
Was das Leben einem raubt
Noch ein offener Brief an meinen kleinen Neffen
BETRACHTUNG
Mein lieber kleiner Neffe,
Ich denke, es ist wieder an der Zeit, dir einen Brief zu schreiben.
Der Letzte war wohl etwas anspruchsvoll.
Ich befürchte, dass auch dieser nicht leichter zu verstehen sein wird. Ich werde mich bemühen, meine Sätze einfach zu halten. Vielleicht sollte ich in Zukunft für dich lieber Bilderbücher schreiben, damit du sie schon jetzt im Kindesalter lesen kannst.
Ich kenne dich nun recht gut.
Du bist jetzt drei Jahre alt. Du liebst deinen kleinen Bruder. Du spielst gerne mit deinen Spielzeugen. Du läufst gerne in der Natur herum.
Ich habe schon viel Zeit mit dir verbracht.
Und doch verstehe ich dich so wenig.
Warum macht es dir Spaß, deine Autos hin und her zu schieben?
Woher hast du das Selbstvertrauen, in einem Zimmer voller riesiger Erwachsenen einfach draufloszureden?
Was fasziniert dich so sehr am Müllauto, dass du alles andere liegen lässt, um es zu beobachten?
Und vor allem: Was treibt dich eigentlich an?
Ja, das ist sogar meine größte Frage.
Was bewegt dich dazu, Fremden zuzuwinken, Stöcke zu suchen, zu springen und zu laufen?
Warum machst du Sachen?
Mir kommt nur eine Antwort auf diese Frage in den Sinn:
Die Neugierde.
Ja, die hemmungslose Neugierde.

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Danke fürs Lesen!
-Chisel&Feather




Neugierig zuschauen - Kleinkinder (und anscheinend auch ihre Onkel ) machens am besten.
Du hast einen starken Drang, Neues zu entdecken.
Du möchtest lernen.
Du möchtest beobachten, ausprobieren, erkunden.
Du bist neugierig.
Von dir habe ich neuerdings genau das gelernt: Neugier ist wichtig.
Ich glaube, das Leben hat leider die Fähigkeit, einem die Neugier zu rauben.
Wobei „rauben“ hier vielleicht nicht das beste Wort ist.
Vielmehr wird einem die Neugier durch schlechten Tauschhandel entschwindelt.
Ja, entschwindelt, und als Gegenleistung für die Neugier wird die Selbstbestätigung angeboten.
Bestätigung, dass man selbst recht hat.
Bestätigung, dass man selbst gut ist.
Bestätigung, dass man selbst immer schon richtig gelegen ist.
…ein verlockendes Angebot.
Da sagt man natürlich schwer „nein“.
Doch das Ende der Neugier bedeutet nur, das zu hören, was man ohnehin schon glaubt; nur das zu lernen, was man ohnehin schon weiß; nur das zu sein, was man ohnehin schon immer war.
Nie wieder liegt man falsch.
Nie wieder verspürt man kognitive Dissonanz.
Nie wieder hat man Zweifel am eigenen Weltbild.
Weißt du, mein kleiner Neffe, ich glaube, die Welt könnte etwas mehr von deiner Neugier gebrauchen.
Wenn wir nur öfter fragen würden, statt zu verurteilen;
Wenn wir nur öfter beobachten würden, statt zu verachten;
Wenn wir nur neugierig von anderen lernen wollten, statt ihnen auszuweichen;
…so wäre die Welt sicherlich ein besserer Ort.
Gut, ich werde es mal dabei lassen.
Verspreche mir bitte eines:
Wenn dir mal das Leben ein Angebot macht – Neugier oder Selbstbestätigung – zögere nicht. Wähle ein jedes Mal die Neugier.
Mit Liebe geschrieben und in der Hoffnung dich bald wieder besuchen zu können,
Dein Onkel, Coren
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Immer voll dabei - Mehr Neugier bedeutet mehr Spaß und erhöhte Lernfähigkeit

