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Erschießungskommando

Die Strafe für Liebe in einer Welt im Krieg

KURZGESCHICHTE

Coren McGirr; übersetzt von Benen McGirr

2/18/20266 min read

Basierend auf einer wahren Begebenheit.

„Eine Platzpatrone, sieben scharfe“, hörte ich einst. „Das sind die Vorschriften für ein Erschießungskommando.“

Sieben Gewehre geladen mit scharfer Munition, eines mit einer Platzpatrone.

Die leere Runde nimmt die Last vom Gewissen der Soldaten. Eins zu acht stehen die Chancen, kein Mörder zu sein – gut genug, um sich selbst zu belügen.

Ich schließe die Augen und bin überrascht.

Was habe ich erwartet? Dass die Dunkelheit meine Sicht beeinträchtigt?

Ein dummer Gedanke.

Es waren nie meine Augen, die sahen.

Nun sind sie geschlossen, und schon weichen die Bilder der verkommenen Gefängniswand denen des weiten Horizonts.

Seit einer Ewigkeit beobachte ich, wie die Sonne über den Horizont hinaufschleicht und dann wieder untertaucht. Ich habe mich schon immer gefragt, wie es wäre, ihn zu erreichen – dort am Ende der Welt zu stehen. Und doch kam ich, trotz meiner größten Bemühungen, nur in meinem Kopf voran. Meine Augen täuschten mich, ließen mich glauben, ich sei nähergekommen.

Ich kann besser sehen, jetzt, dass sie geschlossen sind.

Eigentlich absurd.

Ich sehe mich, wie ich dastehe.

Ich sehe die acht Männer, die mir gegenüberstehen.

Ich sehe hinter mir die beiden belgischen Männer, zusammengesackt auf dem Gefängnisboden, bewegungslos.

Ich sehe die Wand in meinem Rücken, vernarbt und zersplittert, von den Salven gekennzeichnet, die das Schicksal derjenigen bestimmt haben, die einmal an meiner Stelle standen.

Jenseits dieses Gefängnishofes sehe ich eine Welt, vernarbt und zersplittert, genauso wie die Wand.

Ich sehe einen Krieg – the Great War, der Krieg, um allen Krieg ein Ende zu machen – der nun seit über einem Jahr wütet.

Ich sehe ausblutende Soldaten. Briten, Franzosen, Deutsche – meine Patienten.

Ich öffne die Augen, und meine Sicht begrenzt sich wieder auf den Gefängnishof.

Die acht Männer gegenüber haben sich nicht bewegt.

Ihre Mäntel sind lang.

Einer von ihnen ist lediglich ein Junge. Seine rechte Schulter sinkt unter dem Gewicht seines Gewehres. Ein ungeschickt angelegter Verband umwickelt seine verletzte linke Hand.

Ein anderer ist alt, womöglich so alt wie mein Vater. Vielleicht hat er Kinder, vielleicht hat er einen Sohn an den Krieg verloren – wie die meisten.

Die acht Männer flüstern einander zu und werfen mir hasserfüllte Blicke zu. Könnten Blicke töten, würden sie sich eine Platzpatrone und sieben scharfe sparen.

Eine Platzpatrone, weil der Hass keinen Mut garantiert, und nicht einmal die Grausamkeit kann das Schuldgefühl aus dem menschlichen Herzen auswringen. Sie nennen es Gerechtigkeit, wollen aber nicht die Henker sein.

Eine Platzpatrone für das Gewissen, sieben scharfe Patronen für die Vollstreckung ihrer verdrehten Vorstellung der Gerechtigkeit – trotz ihres Unbehagens.

Ein weiterer Mann betritt den Hof.

Ein Stöhnen entweicht dem metallenen Tor, als es hinter ihm zuschwingt.

In seiner Hand hält er ein zerrissenes Tuch. Er trägt die Uniform eines höheren Ranges.

Er stiefelt auf mich zu und fragt mich mit einem starken deutschen Akzent: „You are the nurse Edith Cavell, yes? You stand here at the will of the Deutsches Kaiserreich. For your actions, you have been sentenced to death by …”, er hält inne, „ … Erschießungskommando.

Ein ratloser Blick huscht über sein Gesicht, als er sich zu seinen acht Kameraden dreht.

Erschießungskommando, was ist das auf Englisch?

Der alte Soldat streichelt seinen Bart.

Mein Vater würde das auch immer tun, wenn Mutter ihm eine Frage stellte – besonders jene über die Bibel. Sie hatte einfach eine Art, Fragen zu stellen, die sogar einen Pfarrer verblüffen konnten. Vater würde dann einen Moment lang seinen Bart streicheln, ehe er hastig hinter der Tür seines Arbeitszimmers verschwand. Minuten würden verstreichen, manchmal sogar Stunden, bevor er aufgeregt wieder mit einigen Büchern unter seinem Arm hervorpirschte.

Louisa, meine Liebe“, würde er dann rufen, „du wirst diese Antwort nicht fassen können. Es war knifflig, aber ich glaube, ich hab’s!

Mutter hat dann immer gelächelt, als Vater durch die Seiten wühlte, seine Brille zurechtrückte und sie gemeinsam über der offenen Bibel standen.

Shooting commando?“, sagt der alte Soldat fragend.

Er blickt zu mir und fragt: „It is shooting commando, yes? We will bring you death by the shooting commando?

„Firing squad, yes”, antworte ich, „and yes, my name is Edith.

Der Mann neben mir nickt: „Firing squad, das ist das Wort.

Er faltet den zerrissenen Fetzen einige Male.

Ich erhasche einen flüchtigen Blick auf das filigrane Muster des Tuchs, bevor der Offizier sich hinter mir stellt.

Wieder schließe ich meine Augen.

Ich spüre, wie das Tuch auf mein Gesicht fällt und sich dann spannt, als der Offizier die Enden hinter meinem Kopf zu einem Knoten zusammenbindet. Es riecht nach Mehlspeisen und Omas Küche.

Und wieder wird meine Sicht besser, und ich sehe weit jenseits dieser Grenzen, die mich umgeben.

Ich sehe die verwunderten Gesichtsausdrücke der verletzten deutschen Soldaten, als ich mich am Schlachtfeld neben sie niederknie.

Why you help me?“ fragten sie mich immer, sobald sie festgestellt hatten, dass ich Britin war.

Ich sehe die Dankbarkeit in ihren Augen, als ich ihre Wunden reinige.

Ich sehe vor mir die Briefe, die ich von britischen Soldaten erhalten habe. Von jenen vielen, die ich geholfen habe, zurück in die Sicherheit Englands zu fliehen.

Einige Nachrichten waren kurz, einige nüchtern. Andere erzählten mir von der Freude ihrer Mutter und dem Lachen ihrer Schwester, von der Geborgenheit von heißem Tee und warmen Keksen.

Ich würde alles noch einmal tun. Und ein weiteres Mal. Immer wieder würde ich es tun. Aber ich tu es nicht für mein Land. Stolz auf die Heimat reicht nicht aus – ich darf nicht hassen und keine Bitternis gegen irgendjemanden in mir tragen. Das ist das Gebot meines Herrn, und danach lebe ich und würde ich immer wieder leben. Tausende Leben würde ich Ihm widmen, auch wenn jedes einzelne mit sieben Kugeln in meiner Brust enden sollte.

Ich sehe mich selbst wieder.

Der Mann, der mir die Augenbinde zugeknotet hat, entfernt sich.

Ich höre seine Schritte verklingen, während er leise vor sich hin murmelt: „Firing squad, firing squad. Das muss ich mir merken.

Und wieder stöhnt das metallene Tor.

Stille.

Der Ablauf beginnt. Er ist unaufhaltbar. Er wird mit militärischer Präzision und einer grausamen Verachtung des Feindes ausgeführt.

Sobald das erste Kommando erhallt, wird er bis zum Ende vollstreckt.

Jedes.

Einzelne.

Mal.

Anlegen!

Wären meine Augen nicht von der Binde umhüllt, würde die Welt in meinen Tränen verschwimmen. Aber auch so sehe ich, wie die Soldaten ihre Gewehre anlegen.

Zielen!

Ich spüre das Brennen der acht Gewehrläufe, die nun auf meine Brust zielen.

Diese Tränen sind weder Tränen der Trauer noch der Angst. Ich habe keine Angst vor dem Tod.

Ich würde alles noch einmal tun. Ich würde meinen Mitmenschen wieder und immer wieder lieben.

Feuer!

Eine Platzpatrone, sieben scharfe.

Ich würde alles noch einmal tun.

Diese Geschichte widmet sich den letzten Momenten Edith Cavells.

Edith Cavell war eine Krankenschwester im Ersten Weltkrieg, die sich um verwundete Soldaten kümmerte – sowohl um die eigenen als auch um jene des Feindes. Sie setzte ihr Leben aufs Spiel, als sie rund 200 alliierte Soldaten bei der Flucht aus Belgien half. Dafür wurde sie vom Kaiserreich Deutschland gefangen genommen und zum Tode verurteilt. Am 12. Oktober 1915 wurde sie in Brüssel durch ein Erschießungskommando hingerichtet.

Es gibt keine genauen Berichte über den Tod Edith Cavells. Diese Geschichte ist eine fiktive Darstellung einer wahren Begebenheit, die sowohl auf ihren Lebenswerten als auch auf historischen Ereignissen basiert. Ihr unerschütterlicher Mut und ihre Entschlossenheit, ihren Nächsten zu lieben – unabhängig davon, für welche Seite sie kämpften – verdienen es, gewürdigt zu werden.

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