Ein Tor zur Unterwelt (Teil III)

Blut in den Gassen Hainburgs

KURZGESCHICHTE

Coren McGirr

3/31/20255 min read

Diese Geschichte ist Teil drei. Klicke hier, um den ersten Teil zu lesen. Klicke hier, um den zweiten Teil zu lesen.

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„Angst ist die Eroberin des Guten. Sie bringt die Mauern der Furchtlosigkeit zum Fallen. Raubend, zerstörend zieht sie durch das Herz, bis Edelmut und Selbstlosigkeit in die Flucht geschlagen werden. Zurück bleibt Blut ohne ein Gehäuse, Handlung ohne Gewissen, ein Mensch ohne Rückgrat. Zurück bleibt eine Leere. Angst füllt diese Leere. Sie vergiftet das Blut, ersetzt das Gewissen, und schenkt dem Menschen eine Stütze. Und dann, … dann verlangt sie Gehorsamkeit.“

Ich erblicke Gerhard ein paar Schritte rechts von mir. Schweiß rollt seinen Nacken hinunter. Als Kind habe ich immer zwischen seinen Weinreben gespielt. „Weg da!“, hat er immer in der Erntezeit geschrien „Das ist ein Spätburgunder … das Feinste vom Feinsten.“ Jetzt torkelt er hier neben mir, genauso durstend nach Freiheit wie ich.

Vor mir humpelt Gottfried, unser Schmied. „Nie werden wir aufgeben! Bis zum letzten Mann wird hier gekämpft!“ hat er geprahlt als die erste Nachricht der sich nähernden osmanischen Armee in Hainburg angekommen war. Der hat wohl seine Meinung geändert. Ein rauer Kerl ist er. Zwei Sprünge mit Rechts macht er immer, dann einen Schritt mit dem linken Holzbein.

Hinter mir höre ich die liebe alte Clementia beim Jammern – der Weg ist zu weit, die Gasse zu holprig, das Tempo zu schnell. Ich weiß gar nicht wie alt sie ist. Manchmal redet sie von der ersten Türkenbelagerung, als habe sie höchstpersönlich Süleyman I in die Flucht geschlagen. Das wird wohl eher ein selbstgesponnenes Märchen sein, aber bei ihr weiß man nie.

Clementias Sohn Hartwig versucht sie zu ermuntern. Viel kann er nicht machen. „Hartwig von der Burg“ – so will er immer angesprochen werden. Weil er denkt, dass er adeliger Abstammung ist. Keiner spielt mit. Viel mehr Narr als Adeliger ist er.

Am Hals spüre ich Rosas Atem. Ein und aus. Ein und aus. Ich halte sie fest. Nie wieder lass ich sie los.

Alle, Gerhard, Gottfried, Clementia, Hartwig, Rosa, ich und hunderte andere Hainburger stürmen das Fleischergäßl hinab – zum Fischertor, zur Donau, in die Freiheit.

Dann ändert sich etwas.

… klein ist diese Änderung, fast unbedeutend.

Unbedeutend, aber auch unverkennbar.

Es ist die dezente Änderung des Luftdrucks, die meine Aufmerksamkeit erregt.

Ich weiß, was dies bedeutet. Ich habe dasselbe gespürt, als Hainburg erstmals durch Osmanen von der restlichen Welt abgeschnitten wurde.

Ich habe es gespürt, als Kanonenfeuer wie tollwütige Wölfe auf die Stadt losgelassen wurde.

Und jetzt spür ich es wieder, weil ein Gewitter ansteht … hinter uns im Fleischergäßl ziehen dunkle Wolken auf; dunkle Wolken, die keine Langeweile kennen. Ihre Liebe für Gewalt, für Unterdrückung und das Blut ihrer Feinde ist so tiefgehend, dass unsere Mauern wie eine Bergkette diesen Sturm in die Stadt kanalisieren.

Und so ein Sturm vergeht nicht.

Ein Spielplatz sind wir, ein Spielplatz für Eroberer.

Ich werfe einen Blick über meine Schulter. Ein Meer an verschreckten Gesichtern sehe ich. Wie der Strom eines turbulenten Flusses schieben sie mich vorwärts.

Dann entdecke ich ihn, den ersten Osmanen. Um die Ecke kommt er gelaufen. Die Klinge seines Kilij-Säbels blitzt im Sonnenlicht auf. Auf seinem Helm wehen seltsame Federn im Wind. Sein Körper ist von einer Art Kürass eng umarmt. Seine Augen starren mir bis in die Seele.

Schon bald sehe ich hinter ihm weitere Eroberer. Fünf … Fünfzehn … Dreißig … mehr, immer mehr. Eine unzählbar große Horde dieser Diener des Todes stürmen hinter uns her.

Unsere Strömung verstärkt sich. Schließlich neigen Sturmböen dazu, Wasser in Unruhe zu versetzen. Schneller und schneller laufen wir. Hinter mir hält Clementia tapfer mit, doch dann verstummt ihr Jammern. Sie ist in den Wellen untergangen; von der Stampede verschluckt.

Wir schießen um die letzte Kurve und ich sehe das Tor! Zwei unserer Wachen stehen dort.

Rufe werden laut: „Tor öffnen! Sofort!!!

Die Wachen verstehen.

Sie entriegeln diese letzte Barriere und ziehen die zwei schweren Flügel langsam auf.

Ein dünner Strahl Tageslicht fällt durch die Pforte. Zehn Zentimeter, zwanzig, ein halber Meter. Immer größer wird die Lücke, die zur Freiheit führt!

Noch nie hat der Anblick des schlammigen Weges in den Wald so eine Freude in mir ausgelöst.

Hinter mir höre ich die ersten Todesschreie. Vor mir schlüpfen die ersten Vorläufer durch das halboffene Tor. Leben und Tod, so nah aneinander stehen sie.

Dann passiert das Unbedenkliche.

Unsere Menschenwelle erreicht mir der Wucht der fließenden Donau den Durchgang. Wir krachen gegen das Holztor. Zwei, drei Personen vorne in der Mitte schaffen es hindurch dann drückt unser Gewicht die nach innen öffnenden Flügel zu. Das Tageslicht erlischt.

Wir sind gefangen.

Ungläubigkeit fegt durch die Menge.

Öffnet das Tor wieder!!!“ kreischen die Hinteren.

Doch immer stärker drücken sie gegen uns. Weg von den Osmanen wollen sie. Ich und Rosa werden gegen das Holz gepresst. Es fühlt sich an, als würde mein Brustkorb flachgedrückt werden.

Wie lange wir hier um jeden Atemzug kämpfen, kann ich kaum sagen.

Die Eroberer erreichen die stehende Masse und mähen mit ihren Schwertern die wehrlosen Bürger um.

Ich spüre an den Füßen etwas Außergewöhnliches. Wasser? Warmes Wasser?

Ich Blicke hinab. Nein, es ist kein Wasser.

Osmanische Säbel verwandeln unseren Weg zur Freiheit in ein Tor zur Unterwelt.

Und das, was ich an meinen Füßen spüre, ist Blut. Es fließt die Gasse hinab. Die dicht verschlossen Pforte ist ihr Damm.

Mein Blick trifft auf jenen Gerhards des Weinbauers. Er kann sich ebenfalls nicht bewegen. Seine Augen verraten die Panik, die in ihm vorgeht.

Etliche Schritte hinter mir ist Hartwig. Anscheinend hatte er versucht seiner Mutter nach dem Fall aufzuhelfen. Gegen so einen Strom kann man aber nicht schwimmen. Er wurde erbarmungslos weitergeschwemmt. In ihm sehe ich keine Panik. Tränen rollen seine Wangen hinunter. Er wartet nur. Innerlich ist er schon besiegt.

Plötzlich reißt Hartwig den Mund auf und sinkt zu Boden. Hinter ihm steht der gefederte Man im Kürass.

Die Schreie sind jetzt kaum zum Aushalten.

Ich schaue hinab auf Rosa in meinen Armen. Ich zieh meinen Dolch.

Ist das ein Sünde?

Ist das getrieben von Angst oder Liebe?

Gibt es überhaupt noch Liebe in so einer Welt?

Immer näher drängen die Osmanen.

Gottfried fällt mit seinem Holzbein in der Hand wie eine Keule. Der gefederte Soldat hat jetzt eine Platzwunde auf der Stirn.

Das Blut auf der Straße reicht mir schon bis über die Knöchel.

Gerhard kippt zur Seite, zwei Pfeile in seiner Brust.

Ich blicke zurück zu Rosa. Sie zittert am ganzen Körper.

Ja, es ist gut.

Ich flüstere ihr meine Liebe ins Ohr und sinke den Dolch in ihren Rücken. Ohne Schrei geht ihr Körper schlapp.

Die Trauer, die ich verspüre, überschattet jede Angst.

Nun steh ich hier, Sekunden vor meinem Tod.

Hainburg gibt es nicht mehr.

Das Fleischergäßl gibt es nicht mehr, nur eine Blutgasse.

Und bald werde ich auch nur mehr eine Erinnerung sein.

Nein, nicht einmal das.

Eine Vergessung, das werde ich sein; ein Leben, das zum Opfer der großen Windböen wurde, die um die Erde ziehen. Ein Leben, das wenig Wert gefunden hat in einer Welt, in der Macht und Gier hoch auf einem Podest gestellt und angebetet werden.

Ja, eine Vergessung werde ich sein – überschwemmt vom Blut meiner Landsleute – gefangen hier am Tor zur Unterwelt.

"Fleischgäßl" - Heute heißt sie Blutgasse in Erinnerung an das Massaker