Ein Tor zur Unterwelt

Eine dramatische Nacherzählung der Türkenbelagerung Hainburgs

KURZGESCHICHTE

Coren McGirr

3/26/20252 min read

„Das Überleben wartete jenseits der Donau auf die verzweifelten Bürger und das Fischertor lockte mit den leeren Versprechungen einer erfolgreichen Flucht – aber an diesem Tag, dem 12. Juli 1683, sollte es keine Flucht geben, nur Blut. Osmanische Säbel verwandelten den Weg zur Freiheit in ein Tor zur Unterwelt.“

Ohne meinen Bogen loszulassen, drücke ich meiner Schwester die Ohren zu. Ein Donnern erschüttert meine Seele. Wenn ich noch den kleinsten Ansatz Mut in mir gehabt hätte, dann hätte mir dieses unaufhörliche Kanonenfeuer den jetzt geraubt. Ein Gesteinshagel folgt.

So ein Sturm vergeht nicht.

Normalerweise ziehen dunkle Wolken weiter. Der Regen gibt nach und die Sonne scheint wieder. Nach ein paar Tagen bekommen Wind und Wetter Langeweile und suchen sich ein anderes Dorf aus zu tyrannisieren. Aber unser Sturm vergeht nicht. Unser Sturm sind die Osmanen und denen wird nicht langweilig.

Sobald das Schillern in meinen Ohren nachlässt, wird schon die nächste Salve abgefeuert. Hainburg zittert.

Kleiner!“, hör ich eine raue Männerstimme rufen „Geh sofort an deine Position! Die Osmanen bestürmen das Wienertor!“ Hastig setze ich meinen Helm auf und versuche mich von meiner Schwester zu lösen. Sie hat Tränen in ihren verschreckten Augen und weigert sich ihren Halt an meinem Arm zu lockern. „Verlass mich nicht. Nicht du auch!“, flüstert sie mir ins Ohr. Wie soll sie das alles mit ihren zehn Jahren verstehen? Wie soll ich ihr vom tapferen Tod unseres Vaters erzählen?

Kleiner!

Ich reiß mich von ihr los und bewege mich Richtung Wienertor. Häuser und Wohnungen stürzen links und rechts von mir ein. Frauengruppen ziehen durch die Gassen und versuchen Überlebende aus den Trümmern zu retten. Nirgends findet man Sicherheit – nicht innerhalb der Stadtmauer; nicht einmal im eigenen Haus. Wie ein Schatten fühle ich mich – ein Schatten, der durch Feuer und Rauch schwimmt. Und unbeirrt möchte er dem Tode ins Gesicht schauen, weil er schon lange vergessen hat, was Leben ist.

Ich steige die Treppe zum Wehrgang hoch und schiebe die Leiche des vorigen Bogenschützen zur Seite. Anschauen werde ich ihn nicht. Höchstwahrscheinlich werde ich auch bald sein Schicksal erleiden. Ich wähle meinen ersten Pfeil aus dem Köcher und blicke durch die Schießscharte.

Ich erstarre. Es ist als fehle meinem Geist die Kraft zu verstehen, was meine Augen wahrnehmen. Und immer wieder berichten die Augen dasselbe. Der Geist weigert sich aber zu sehen.

Ich drehe der Wand meinen Rücken zu und übergebe mich. Meine Welt zerfällt. Irgendwo dort draußen ist … war unser Bauernhöfchen – bescheiden und klein. Mein Ochse Richard und die Hasen meiner Schwester; irgendwo dort draußen waren sie.

Aber jetzt?

Ich drehe mich noch einmal um. Verwüstet! Alles verbrannt und zertrampelt, und auf unseren Ruinen steht jetzt das Lager des Sultans so weit das Auge reicht. Kein grün, kein Feld, nur Krieg.

Meine Welt zerfällt.

Angst und Hoffnungslosigkeit … ich dachte ich spürte sie in dem Moment. Dabei stand noch eine Wehrmauer zwischen mir und dem Feind.

Nie konnte ich die Schrecken erahnen, die in der nächsten Sekunde meinen ganzen Körper fesseln würden …

... Fortsetzung in Teil II hier lesen.

'Kriegswunden' - Das Wienertor steht noch