Ein Tor zur Unterwelt (Teil II)

Flucht zum Fischertor

KURZGESCHICHTE

Coren McGirr

3/29/20253 min read

Diese Geschichte ist Teil zwei. Klicke hier, um den ersten Teil zu lesen.

„Selten fühlen sich Geschichten an wie das echte Leben. Legenden, Mythen, Sagen – ein Schleier beschützt uns beim Zuhören. Wir halten Distanz. Welten können untergehen, aber sie sind nicht unsere Welt. Länder können zerstört werden, aber sie sind nicht unser Land. Dörfer können dem Erdboden gleich gemacht werden, aber sie sind nicht unser Dorf. Und wegen diesem Schleier erkennen wir nicht, dass diese Geschichten eigentlich über uns sind.“

Ein Schrei erklingt.

Noch nie habe ich eine derartige Furcht in einer Menschenstimme gehört.

Gerade habe ich von diesem hölzernen Wehrgang aus zwei Pfeile in die feindliche Masse herabgeschossen, aber dieser Schrei hält nun die Belagerung für eine kurze Sekunde an. Stille fegt den Kriegslärm aus der Stadt hinaus.

Wieder die Stimme: „Sie sind in Hainburg!

In Hainburg? Wer?

Die Osmanen! Sie haben sich in die Stadt hineingeschlichen!

Wie kann das sein? Unsere Tore sind ungebrochen! Unsere Mauern sind zertrümmert aber stehen dennoch! Wie haben die sich hineingeschlichen?

Meine Gedanken gehen sofort an meine Schwester. Hainburg ist jetzt zum Tode verurteilt! Nichts steht ihrem Untergang mehr im Wege. Wir müssen flüchten; wohin weiß ich nicht, aber wir müssen flüchten und jede Sekunde zählt.

Kanonenfeuer läutet das Kampfgeschehen mit neuer Gewalt wieder ein. Panik bricht aus. Die Soldaten am Wehrgang verlassen ihre Positionen und laufen Richtung Stiege. Ich folge dem Strom.

Ich glaube jeder Mensch hat seine Grenzen – nur so viel Furchtlosigkeit, nur so viel Loyalität, nur so viel Ehrenhaftigkeit kann man aufbringen. Aber irgendwann steht man leer da und kann nichts mehr geben. Dann übernimmt die Angst. Mit ihr kann man fast alles erreichen. Sie verspricht einem das Überleben, wenn man ihr alleinig Herz und Seele widmet. Und wenn sie dann Herr dieser wird, bewegt sie den Menschen zu den übelsten Gräueltaten.

Ich strample im Fluss meiner Landsleute die Stiegen der Wehrmauer hinunter. Die Stöße und Schläge, die ich in dieser Stampede abbekomme, verursachen mir keine Schmerzen. Alle Geräusche, die auf mein Ohr treffen, sind dumpf. Einzig die Stimme des Teufels hör ich klar: „Gib dich der Angst,“ flüstert er, „die Angst wird dich retten.“ Ich stehe auf Messers Schneide, an der Grenze wo Furchtlosigkeit und Loyalität ihr Ende findet.

Aus den südlichen Gässchen direkt gegenüber von mir stürmen jetzt die eingedrungenen Osmanen hinab. Ihre Säbel sind im Blut der Hainburger getränkt. Wie viele Leben haben sie schon genommen? Wie viele wehrlose Frauen und Kinder liegen leblos, verstreut in diesen Gassen?

Unsere mutigen Torwächter werden kurzerhand von den Angreifern überwältigt. Ich laufe Richtung Hauptplatz. Hinter mir höre ich die Flügel unseres Stadttores aufschwingen, begleitet von einem tiefen rhythmischen Schlachtruf.

Die Belagerung ist vorbei. Hainburg ist gefallen und wird bald wenig mehr als eine Erinnerung sein. Wir, meine Schwester und ich, dürfen keinesfalls Teil dieser Erinnerung werden.

Rosalinde!“, rufe ich. Meine Stimme ist hoch. Hinter mir überschwemmt die osmanische Welle unsere Stadt.

Rosa!!!“, Staub und Tränen beeinträchtigen meine Sicht.

Einige tapfere Seelen stellen sich der Invasion, um den Flüchtenden Zeit zu schenken. Ein teures Geschenk ist es. Ewig werden wir diesen Männern schuldig sein. Die Schlacht ist nicht mehr eine von Kanonen und Bogenschützen. Schwerter werden gezückt, Schilder geschmettert – letzte Atemzüge finden jetzt im Angesicht des Feindes statt.

Hier bin ich,“ hör ich endlich eine Mädchenstimme. Neben der Kirche, in einem Eck verkrochen entdecke ich meine Schwester. „Rosa! Komm, zum Fischertor!“

Ich packe sie am Arm und Hand in Hand laufen wir zum nördlichsten Tor der Stadt. Hinter diesen Mauern liegt die Donau und jenseits der Ufer wartet Freiheit auf uns. Wir eilen von der Kirche quer über den Hauptplatz und schlüpfen zusammen mit anderen Bürgern in das enge „Fleischergäßl“, die Gasse, die Richtung Fluss führt.

Wir werden entkommen! Unsere Mauern können zum Fall gebracht werden, unsere Häuser können in Flammen hochgehen, aber wir, WIR werden leben und mit uns wird Hainburg nie sterben!

Das „Fleischergäßl“ führt bergab. Hunderte von uns folgen ihrem Weg. Ich hebe Rosa hoch und halte sie fest. Sie weint und lacht gleichzeitig. Trotz der Panik liegt Erleichterung in der Luft.

Und so laufen wir voller Hoffnung und Arm in Arm, weiter und weiter in die Gasse, …

… tiefer und tiefer, hinein in unser …

… Grab.

…Fortsetzung in Teil III hier lesen.

'Leere Versprechen' - das Fischertor lockt die Hainburger in den Norden